Drei Arten, Erkenntnis zu gewinnen

Im Buddhismus geht es darum, Erleuchtung zu erlangen. Erleuchtung ist nichts anderes als Erkenntnis über unser Denken, Handeln und so über unser Leben., Erreichen wir diese Erkenntnis, können wir uns vom Leid befreien, weil uns unsere Gedanken und Emotionen nicht mehr kontrollieren. Es geschieht das Gegenteil: Wir erhalten die Kontrolle.     

Siddhartha Gautama lehrte, dass es drei Arten gibt, durch die man Erkenntnis gewinnen kann, wie folgendes Zitat zusammenfasst:
„Die edelste Art Erkenntnis zu gewinnen, ist die durch Nachdenken und Überlegung.
Die einfachste Art ist die durch Nachahmung und die bitterste Art ist die durch Erfahrung.“

Nachdenken und überlegen

Betrachten wir die erste Art, fällt uns auf, dass Siddhartha Gautama sagte, dass die edelste die sei, die wir durch Nachdenken und Überlegen gewinnen. Doch ist es nicht die Chan-Schule, die die Methode praktiziert, durch Meditation und Gōng’àn*, unser diskursives Denken abzustellen – wie passt das zusammen?

Nun, im Grunde ganz einfach. Im Chan (jap. Zen) geht man davon aus, dass wir von all unseren Gedanken pro Tag lediglich ein Drittel davon neu denken, was auch die Neurowissenschaft bestätigt. Den überwiegenden Teil unserer Gedanken denken wir wieder und wieder. Das ist das, was wir im Buddhismus Gedankenkarussell oder auch Affengeist nennen. Dabei geht es meist um die Vergangenheit oder die Zukunft. Nur in der Gegenwart sind wir gedanklich nicht anzutreffen. Auch sich Sorgen zu machen, bedeutet nicht, über die eigene Situation nachzudenken.

Erkenntnis durch Nachdenken erlangt man, wenn man sich all seine Stärken, Schwächen, Werte und Ziele bewusstmacht und feststellt, dass es nicht nur uns selbst betrifft. So gelangt man zu der Erkenntnis, wer man wirklich ist und wie die Welt wirklich ist.

Nachahmen

Die zweite Art, die Nachahmung, ist die einfachste und zugleich wohl auch unbefriedigendste Weise Erkenntnis zu erlangen über sich selbst und die Dinge wie sie wirklich sind. Babys und Kleinkinder lernen durch Nachahmung und das nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt, ab dem sie beginnen, eigene Erfahrungen zu sammeln. Wir müssen uns klarmachen, dass Erkenntnisgewinn durch Nachahmung nur zu Erkenntnissen aus sozusagen zweiter Hand führen. Einige mögen vielleicht hilfreich sein, aber wir werden damit nie die tatsächliche Tiefe unserer Persönlichkeit ausloten können.

Erfahren

Die dritte und letzte Art, bei der Erkenntnis durch Erfahrung gewonnen wird, nennt Gautama die bitterste. Was meint er damit?
Unser Leben besteht nicht nur aus sonnigen Momenten, es gehören immer auch schmerzhafte Erfahrungen dazu. Diese können wir in zwei Kategorien einteilen, nämlich die unvermeidbaren Erfahrungen und die vermeidbaren.

Die Unvermeidbaren sind untrennbar mit unserem Leben verbunden. Dazu zählen zum Beispiel das Scheitern einer Partnerschaft oder der Ehe und natürlich der Tod eines geliebten Menschen oder Haustieres. Diese schmerzhaften Erfahrungen gehören zum Leben, und egal wie oft man sie erlebt, der Schmerz wird nicht weniger. Erlangt man jedoch die Erkenntnis, dass beispielsweise der Tod nur ein Abschnitt des Lebens ist, kann das Wissen um diesen Umstand Trost spenden und den schmerzlichen Zeitraum verkürzen und weniger zehrend werden lassen.

Die Vermeidbaren Erfahrungen entstehen, wenn wir uns vor bestimmten Erfahrungen drücken wollen. Doch irgendwann stellt uns das Leben letztlich vor vollendete Tatsachen. Laufen wir permanent vor einem Problem davon oder verdrängen es, wird uns das Leben immer wieder daran erinnern, dass hier noch eine Rechnung offen ist. Ignorieren wir all diese Hinweise, wird irgendwann der Moment kommen, ab dem Weglaufen oder Verdrängen nicht mehr möglich sein wird. Und zu diesem Zeitpunkt wird das Problem so massiv auftreten, dass die Erfahrung besonders bitter sein wird.

Wir haben es größtenteils selbst in der Hand, wie wir zur Erkenntnis gelangen wollen und sind wieder bei einem zentralen Inhalt des Chan-Buddhismus angelangt: der Eigenverantwortung.

 

*Gōng’àn sind im Chan-Buddhismus kurze Anekdoten oder Sinnsprüche, aber auch Fragen, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben. Sie sollen den Schüler durch paradoxe Fragen aus seinem Gedankengerüst reißen und zu Klarheit im Denken und Erleuchtung führen. Im Zen-Buddhismus werden sie als Kōan bezeichnet.

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