Chan Philosophie

Obgleich der Buddhismus in vielen Enzyklopädien als Weltreligion bezeichnet wird, ist er aus seinem Selbstverständnis heraus vielmehr eine Lebensphilosophie. Doch was macht die Philosophie des Chan Buddhismus aus? Eine Überlegung in eigener Sache.

Als Siddharta Gautama, der spätere Buddha, Erleuchtung erlangte und die Lehre des Buddhismus kreierte, ging es ihm um eine
recht banale Sache: Jeder Mensch kann eigenverantwortlich und sich unabhängig von einer religiösen Autorität entwickeln und
Erleuchtung erlangen. Bis dahin gab es die Brahmanen, die das spirituelle und religiöse Leben der Menschen bestimmten.
Genau von dieser Bevormundung wollte Siddharta Gautama die Menschen befreien.

Bevormundung lässt sich leider in jeder Religion erkennen. Es gibt den Priester, den Imam oder den Rabbi, der den Gläubigen ihren Glauben erklärt und ihnen sagt, was sie zu tun, zu lassen und an was sie zu glauben haben. Aus diesem Grund sind Religionen nach meiner Ansicht für die eigenverantwortliche Entwicklung eines Menschen weniger bis überhaupt nicht geeignet, weil sie dem Gläubigen immer einen geistigen „Führer“ vorsetzen.
Warum hat es in der katholischen Kirche solange gedauert, bis die Bibel in die Sprache des Volkes übersetzt wurde –
teilweise unter Androhung und Ausführung schwerster Strafen und Tod auf dem Scheiterhaufen? Vielleicht, damit Priester einen Wissensvorsprung hatten? Dieses Vorgehen hätte nichts Religiöses an sich, vielmehr ginge es dabei um Machterhalt.
Bibeltreue Historiker werden solche Schlüsse natürlich bestreiten. Die Frage bleibt daher unbeantwortet, solange sich die Experten uneins sind. Fakt ist: Erst Luther hat die Bibel übersetzt und die Schriften somit dem Volk zugänglich gemacht. Zumindest dem Teil der Bevölkerung, der des Lesens mächtig war.

Zurück zum Thema. Im Gegensatz zu den Weltreligionen versteht sich nach meiner bescheidenen Ansicht der Buddhismus und hier
vor allem die Schule des Chan als einen rein persönlichen Lern- und Lebensweg. Denn auch hier gibt es leider andere Ausprägungen. Daher sollte nicht verschwiegen werden, dass auch der Buddhismus seine dunkle Seiten hat und vom Menschen sozusagen missbraucht wird. Beispiel hierfür sind die Geschehnisse in Burma und Sri Lanka, wo Buddhisten, angeführt von einem Mönch, Muslime ermorden. Berichte darüber findet man in der Presse:

  • Spiegel Online vom 17.06.2014: „Unruhen im Urlaubsland: Radikale Buddhisten in Sri Lanka greifen Muslime an“
  • Die Presse.com vom 06.04.2013: „Gewalt im Namen Buddhas“
    Zeit Online vom 16.05.2013: „Der Zorn der Mönche“

Auch der Dalai Lama scheint nicht die schillernde Lichtfigur zu sein, die seine Anhänger und Fans in ihm sehen. So titelte der Stern in seiner Ausgabe vom Juli 2009 „Die zwei Gesichter des Dalai Lama – der sanfte Tibeter und sein undemokratisches System.“ Das Editorial dieser Ausgabe war mit „Die dunkle Seite des Dalai Lama“ überschrieben. Das ARD Magazin „Panorama“ berichtete über die Verbindungen des Dalai Lama zur CIA.

Einer der heftigsten Kritiker des Dalai Lama dürfte wohl der deutsche Psychologe Colin Goldner sein. In seinem Buch
„Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs“ beschäftigt er sich ausführlich mit der tibetischen Form des Buddhismus (Vajrayana), den Zuständen im alten Tibet vor der chinesischen Besetzung und der Person des Dalai Lama. Auf YouTube kann man einen Vortrag von Herrn Goldner zu diesen Themen sehen.

Das Problem, dass ich im tibetischen Buddhismus hauptsächlich sehe, ist die Vermischung mit der tibetischen Bön-Religion
und damit seine Wandlung (Entartung) zur Religion mit Göttern, Höllen und einem geistigen Oberhaupt. Wobei die Wandlung
zur Religion das Problem des Buddhismus allgemein sein dürfte. Denn der Buddhismus bedeutet für mich, selbst Erfahrungen
zu sammeln und nicht blind zu glauben bzw. den Erfahrungen anderer folgen zu müssen, egal ob es der „Sohn Gottes“ sei oder
ein Prophet. Im Buddhismus gibt es keine äußere Autorität, keinen Gott, kein Dogma. Dies würde die Entwicklung des Individuums verhindern.

Die Lehre

Siddharta Gautama hat nach seiner Erleuchtung seine grundlegenden Erkenntnisse über das Leben in vier Sätzen zusammengefasst. Diese vier Sätze sind bekannt als die „vier edlen Wahrheiten“. Es gibt zahllose Interpretationen dieser Sätze, vor allem des ersten Satzes. Eine, die ich am häufigsten gelesen habe lautet: „Leben bedeutet Leiden.“

Diese Interpretation ist die für mich am wenigsten richtige, da sie mir zu pessimistisch formuliert ist. Der Buddhismus, so wie ich ihn verstehe, ist etwas positives, deshalb habe ich meine eigene Auslegung der „vier edlen Wahrheiten.“
Sie lauten:

  • Es existiert Leid im Leben.
  • Der Ursprung des Leidens sind Begierde und unkontrollierte Emotionen.
  • Es ist möglich das Leiden zu beenden.
  • Diese Möglichkeit bietet der „achtfach edle Pfad“.

Über die vier edlen Wahrheiten und den achtfach edlen Pfad kann man an vielen anderen Stellen lesen, deshalb gehe ich hier nicht weiter darauf ein.

                                                                                                                                                  Die fünf Silas

Silas sind die ethischen Grundsätze des Buddhismus. Anders als z. B. die zehn Gebote des Christentums sind dies jedoch keine versteckten Verbote. Es sind Grundsätze, und jeder trägt die Verantwortung dafür selbst, sich daran zu halten.

Die fünf Silas lauten:

  • Ich übe mich darin, kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen. Ich will auf friedliche Weise mit allen Lebewesen
    umgehen.
  • Ich übe mich darin, nichts zu nehmen, was mir nicht gehört oder freiwillig gegeben wird.
  • Ich übe mich darin, nicht zu lügen oder mit Worten zu verletzen.
  • Ich übe mich darin, keine anstößigen sexuellen Praktiken auszuüben und niemand durch mein sexuelles Verhalten zu
    schaden.
  • Ich übe mich darin, keine Substanzen zu konsumieren, die den Geist verwirren.

Das erste Sila wird wohl jeder als selbstverständlich empfinden. Was vielen Menschen leider wohl nicht wirklich bewusst ist: dieser Grundsatz bezieht sich auf alle Lebewesen, nicht nur Menschen.

Auch mit dem zweiten Grundsatz gehen die meisten Menschen konform. Dieses Sila bedeutet jedoch auch, grundsätzlich das
Eigentum eines anderen zu respektieren und z. B. dies nicht bewusst oder fahrlässig zu beschädigen oder zu zerstören.
Der dritte Grundsatz ist auch allen Menschen geläufig und doch wird er wahrscheinlich am wenigsten beachtet.
Der vierte Grundsatz schreibt keinen Zölibat vor, sondern fordert ein verantwortungsvolles Verhalten, z. B. bei einem One Night Stand ein Kondom zu benutzen oder, ganz selbstverständlich, keinen Missbrauch von Kindern.
Den fünften und letzten Grundsatz muss jeder für sich selbst interpretieren. Für die einen ist Alkohol ein Nahrungsmittel,
für andere eine Droge. Die Wahrheit liegt wohl wie so häufig irgendwo dazwischen.

Chan

Die Schule des Chan ist eine Form des Buddhismus, der durch Meditation und durch paradoxe Rätsel, den so genannten Gongans,
die Erleuchtung sucht. Begründet wurde diese Schule von einem indischen Mönch namens Ta Mo (jap. Bodhidharma). Diese Form
des Buddhismus kam von China nach Japan und wurde dort zum bekannten Zen Buddhismus.

Die Chan Philosophie ist tief in der Philosophie der Kung Fu-Stile verankert, die ihren Ursprung im Kloster Shaolin haben.
So habe ich den Chan Buddhismus durch meine Kung Fu-Ausbildung kennen und schätzen gelernt, da er mir als eine verständliche und vernünftige Lebensphilosophie erscheint. Das Ziel des Chan ist das Erwachen. Für mich bedeutet das, ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben zu führen, Gutes zu tun und Böses zu vermeiden. Verantwortung für mein Tun selbst zu übernehmen und nicht an etwas anderes oder andere abzuschieben. Persönlich lehne ich daher jeglichen Gottglauben ab. Ich bin mir bewusst, dass alle meine Taten, Worte und Gedanken etwas auslösen. Gerade deshalb empfinde ich es als wichtig, mich weiterzuentwickeln. Dies ist meine Interpretation der Karma-Lehre.
Ich bin zudem der Überzeugung, dass derjenige, der die Grundsätze (Silas) befolgt, um eine Belohnung in Form von gutem
Karma zu bekommen, die Philosophie nicht verstanden hat.
Alles was wir tun, sagen und denken, muss aus der Überzeugung heraus geschehen, dass es richtig und gut ist und nicht in
Erwartung einer Belohnung.

Fazit

Ich würde mich nicht als Buddhisten bezeichnen, doch ist die Chan Philosophie im Verständnis als eine Grundlage einer Lebens-philosophie passend. Die Lehre zwingt niemand in ein spirituelles Korsett von Ge- und Verboten, sieht die Verantwortung bei jedem selbst und nicht bei irgendwelchen Autoritäten. Zudem bietet sie Hilfestellung und Rat auf dem persönlichen Lebensweg.

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