Ich sehe was, was Du nicht siehst – unsere Wahrnehmung Teil 2

Im ersten Teil habe ich über die fünf Sinneskanäle und einige unserer Filter geschrieben. Im zweiten Teil geht es um die individuellen Filter. Individuelle Filter deshalb, da sie im Gegensatz zu den anderen Filtern bei jedem Menschen verschieden sind.

Bei unseren individuellen Filtern, auch Meta-Programme genannt, filtern wir Eindrücke aufgrund unserer persönlichen Glaubenssätze, des bevorzugten Repräsentationssystem, unserer Erinnerungen und Erwartungen. Sie gelten aus diesem Grund nur für uns selbst.

Glaubenssätze

Wir alle haben Überzeugungen, Meinungen, Einstellungen. Unabhängig, wie wir das Kind nennen, sie bilden unsere Glaubenssätze. Glaubenssätze entstehen unbewusst, aus der Erfahrung heraus und äußern sich als sprachliche Manifestation unserer Denkprozesse. Außerdem sind sie ein Filter unserer Wirklichkeit.

Ego und Selbstwert

Das Ego bezeichnet die Subjektbezogenheit des Denkens und Fühlens einer Person. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich das Ego gerne mit dem Wort Ich meldet. Es verfolgt darüber hinaus die Tendenz, die Persönlichkeit eines Menschen durch sich ganz allein definieren zu wollen.

Das Ego ist nicht angeboren. Es entwickelt sich im Laufe der frühen Kindheit parallel zum Erwachen des Ich-Bewusstseins. Es besitzt keine primäre Existenz, die mit der biologischen Geburt ins Dasein tritt. Das Ego ist vielmehr ein Konzept des Bewusstseins, mit dessen Hilfe sich das Ich in der Welt zurechtzufinden versucht. Das Konzept besagt, dass das Ich als abgegrenzte Einheit mit dem Umfeld nicht wesenhaft verbunden ist, sondern ihm bloß dialogisch, als Rivale und Handelspartner entgegentritt.

Obwohl das Ego nicht als seelisches Organ des Körpers gemeinsam mit diesem geboren wird, ist sein Wesen untrennbar mit dem körperlichen Aspekt der Person verbunden. Es ist darauf ausgerichtet, das Wohl der in ihrer Körperlichkeit verankerten Person bedingungslos zu fördern. Wie ein treuer Hund ist es bereit, nach allem zu beißen, was dem Wohl der Person im Weg zu stehen scheint; oder es achtlos zu übergehen.

Je größer das Ego, desto kleiner der Selbstwert

Unter Selbstwert auch Eigenwert, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstkonzept genannt, versteht die Psychologie den Eindruck, den man von sich selbst hat oder wie man sich bewertet. Das kann sich auf den Charakter und die Fähigkeiten des Individuums beziehen, auf die Erinnerungen an die Vergangenheit und das Ich-Empfinden oder auf das Selbstempfinden.
Selbstwert ist zudem eine politisch-moralische Kategorie, die beispielsweise die Gewissheit begründet, in einer bestimmten Situation im Recht zu sein, oder ein zustehendes Recht wahrzunehmen, einzufordern oder zu erstreiten.

 

Die Basis eines gesunden Selbstwertgefühls wird nach gängigen Theorien in der Kindheit gelegt – vor allem durch das Ausmaß an Zuneigung und Anerkennung, also Urvertrauen, die ein Mensch insbesondere von den Eltern erfährt – oder später von anderen Bezugspersonen.

In späteren Lebensphasen kann das Individuum den Eigenwert umso eher positiv beeinflussen, je unabhängiger es von der Meinung anderer ist. Naturgemäß ist hier die Pubertät eine kritische Zeitspanne.

Als Erwachsener beziehen die meisten von uns den Großteil der positiven und negativen Einflüsse auf den Selbstwert aus ihrem Beruf. Dies kann im Falle von Arbeitslosigkeit für den Betroffenen zum Problem werden. Das bei steigendem Leistungsdruck immer häufiger auftretende Mobbing kann verheerend auf das seelische Gleichgewicht wirken und bis zur starken Depression führen.

Tilgung

Die Tilgung sorgt dafür, dass bestimmte Informationen ausgesondert werden, die tatsächlich vorhanden sind. Ein Beispiel: Sie wollen sich ein neues Auto kaufen und haben sich auch schon für ein bestimmtes Modell entschieden. Sie werden nun im Straßenverkehr auffällig häufig ein Auto genau dieses Modells sehen. Dieser Filter ist überlebensnotwendig. Wie in Teil 1 erwähnt, wirken pro Sekunde elf Millionen Sinneseindrücke auf uns ein. Besäßen wir diesen Filter nicht, würden wir angesichts dieser ungeheuerlichen Informationsflut sehr wahrscheinlich wahnsinnig werden.

Verzerrung

Bei diesem Filter wird die Wahrnehmung als Ganzes oder in Teilen verzerrt. Er gestaltet eine Information oder Wahrnehmung derart um, dass sie in die Vorstellungswelt des Empfängers passt. Dazu wird etwas hineingedichtet, weggelassen oder verdreht.

Generalisierung

Dieser Filter ist evolutionär in uns angelegt. Er hilft uns, bestimmte Erfahrungen nicht permanent erneut machen zu müssen. Beispiel heiße Herdplatte: Berühren wir einmal eine heiße Herdplatte, wissen wir auch für die Zukunft, dass das Schmerzen bereitet. Wir müssen uns also nicht jedes Mal erneut die Finger verbrennen, um diese Erfahrung zu bestätigen. Wir generalisieren, dass es immer Schmerzen bereitet, wenn wir auf die heiße Herdplatte fassen und lassen es in Zukunft. Diesen Filter wenden wir auch auf alle anderen Lebensbereiche an, mit dem Ergebnis, dass wir auch wandelbare Vorgänge generalisieren.

Daraus resultieren leider auch Irrtümer und Vorurteile. „Das machst Du immer so!“, „Nie bringst Du den Müll raus!“ oder „Ständig kommst Du zu spät!“ sind typische Generalisierungen.

Eine kleine Geschichte zum Schluss

In einem fernen Land gab es vor langer, langer Zeit einen Tempel mit tausend Spiegeln, und eines Tages kam, wie es der Zufall so will, ein Hund des Weges.
Und der Hund bemerkte, dass das Tor zum Tempel geöffnet war, vorsichtig und ängstlich ging er in den Tempel hinein.
Und Hunde wissen natürlich nicht, was Spiegel sind und was sie vermögen, und nachdem er den Tempel betreten hatte, glaubte er sich von tausend Hunden umgeben. Da bekam er Angst, sträubte das Nackenfell, klemmte den Schwanz zwischen die Beine, knurrte furchtbar und fletschte die Zähne. Und tausend Hunde sträubten das Nackenfell, klemmten die Schwänze zwischen die Beine, knurrten furchtbar und fletschten die Zähne.
Voller Panik lief er, so schnell er konnte, aus dem Tempel hinaus.
Dieses furchtbare Erlebnis hatte sich tief im Gedächtnis des Hundes vergraben.

Fortan hielt er es als erwiesen, dass ihm alle anderen Hunde feindlich gesinnt sind.
Die Welt war für ihn ein bedrohlicher Ort, und er wurde von anderen Hunden gemieden und lebte verbittert bis ans Ende seiner Tage.

Die Zeit verging, und wie es der Zufall will, kam eines Tages ein anderer Hund des Weges. Und der Hund bemerkte ebenfalls, dass das Tor zum Tempel offen stand. Neugierig und erwartungsvoll ging er in den Tempel hinein. Nachdem er den Tempel betreten hatte, glaubte auch er sich von tausend Hunden umgeben. Und der Hund begann sich zu freuen, und er sah auf die vielen Spiegel, und überall sah er einen Hund, der sich ebenfalls freute. Und er begann vor Freude mit dem Schwanz zu wedeln, und im selben Augenblick begannen die tausend Hunde mit ihrem Schwanz zu wedeln, und der Hund wurde noch fröhlicher. So etwas hatte er noch nie erlebt, und voller Freude blieb er, so lang er konnte, im Tempel und spielte mit den tausend Hunden. Dieses schöne Erlebnis hatte sich tief ins Gedächtnis des Hundes eingegraben.

Fortan hielt er es als erwiesen, dass ihm andere Hunde freundlich gesinnt sind.
Die Welt war für ihn ein freundlicher Ort, und er war von anderen Hunden gern gesehen und lebte glücklich bis ans Ende seiner Tage.

Unsere Wahrnehmungen bestimmen unser Leben. Wenn wir es also schaffen unsere Wahrnehmung zu verändern oder zu erweitern, können wir aktiv unser Leben gestalten.

 

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