Ich sehe was, was Du nicht siehst – unsere Wahrnehmung Teil 1

Ich sehe was, was Du nicht siehst, ist nicht nur der Name eines Kinderspiels, sondern ein mögliches Motto für die menschliche Wahrnehmung. Wir alle haben eine unterschiedliche Weltsicht. Erkennen wir die Tatsache an, dass wir alle nur einen, Teil der Wirklichkeit wahrnehmen. Das hilft uns, unsere Umwelt besser zu verstehen.

Jede Sekunde nehmen wir rund elf Millionen Sinneseindrücke wahr. Aus dieser Menge filtert unser Gehirn 40 – 60 heraus und verarbeitet sie. Das nennt man selektive Wahrnehmung. Sie ist nötig, um mit dieser riesigen Informationsflut umgehen zu können, ohne verrückt zu werden. Die Weltsicht, die wir aufgrund dessen haben, wird bestimmt durch unsere bevorzugten Sinneskanäle sowie unsere Glaubenssätze und Meta-Programme, kurz: unsere Filter.

Die Schattenseite daran ist, dass diese Filter nur schwer zu verändern sind und wir unsere vorhandenen Meinungen und Vorurteile immer weiter pflegen und festigen. Denn unser Verstand will immer Recht behalten. Das geht so weit, dass wir eher etwas Schlechtes in Kauf nehmen, als das wir unsere Grenzen erweitern.

Wirklichkeit

Es gibt keine objektive Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit ist das, was wir in der Welt wahrnehmen. Was wir uns dabei auf jeden Fall bewusst machen sollten, ist, dass wir das, was wir für uns als Wirklichkeit definieren, lediglich unsere eigene Wirklichkeit beschreibt, nicht die Wirklichkeit der anderen.
Für unsere Wahrnehmung stehen uns verschiedene Sinne zur Verfügung.

Was siehst Du?*

Die fünf Sinneskanäle – Vakog

Wir nehmen unsere Umwelt hauptsächlich mit unseren fünf Sinnen wahr:                                                                                                                                                                                                                               ● Sehsinn                    – Visuell                                V
● Hörsinn                    – Auditiv                              A
● Tastsinn                    – Kinästhetisch/Taktil K
● Geruchssinn          – Olfaktorisch                  O
● Geschmackssinn – Gustatorisch                 G

Daneben werden aus physiologischer Sicht noch vier weitere Sinne genannt:

● Schmerzempfinden (Nozizeption)
● Temperaturempfinden (Thermorezeption)
● Gleichgewichtssinn (Vestibulärer Sinn)
● Tiefensensibilität (Propriozeption)

Im Coaching nennen wir die fünf Sinne auch die Repräsentationssysteme, da sie unsere Wirklichkeit repräsentieren. Jedoch nicht alle Menschen reagieren auf die Sinneseindrücke gleichermaßen. Je nach Individuum bevorzugen wir ein oder zwei dieser Repräsentationssysteme.

Am Beispiel der Kommunikation lassen sich die bevorzugten Repräsentationssysteme an bestimmten Redewendungen veranschaulichen: So deutet der Gebrauch des Satzes „Mir geht ein Licht auf.“ auf das visuelle System hin, während der Satz „Die Sache stinkt.“ auf den olfaktorischen Sinn hinweist.

Filter

Unsere fünf Sinne sind praktisch die Tür zu unserem Bewusstsein. Alle gemachten Eindrücke müssen sie passieren. Bevor die Eindrücke letztendlich in unserem Bewusstsein ankommen, müssen sie am sogenannten Türsteher vorbei. Dieser besteht aus einem System an Filtern. Diese Filter bestehen unter anderem aus unseren Erfahrungen, Glaubenssätzen und Meta-Programmen. Sie sind dafür verantwortlich, dass wir die Welt nicht objektiv wahrnehmen können. So sind ca. 80% unserer Wahrnehmungen subjektive Assoziationen. Das Positive ist, wir können diese Filter ändern; indem wir unser Denken erweitern, unser Bewusstsein und indem wir hinderliche Denkmuster erkennen und auflösen.

Dabei sprechen wir von folgenden Filtern:

Biologische Filter

Der Wahrnehmung sind Grenzen gesetzt und zwar aufgrund unserer biologischen Filter. Sie bestimmen die Wahrnehmung aufgrund des Geschlechts, der Stimmung oder der begrenzten Fähigkeiten unseres Erkenntnisapparats.

Verschiedene Beispiele dazu: Es existieren bestimmte Phänomene in der Natur, die wir aufgrund unserer Neurologie nicht erfassen können. Es handelt sich um physiologische Filter, die nicht verändert werden können. So kann das menschliche Gehör beispielsweise bestimmte Frequenzen nicht wahrnehmen, dazu gehört auch der Ultraschall.

Hinsichtlich der Geschlechter ist mittlerweile bewiesen, dass Frauen und Männer unterschiedlich auf Stress reagieren. Frauen reagieren auf Stress vorwiegend nach der sogenannten „Tend and be friend“-Strategie. Bei der geht es darum, sich mit der Situation zu arrangieren oder anzufreunden. Im Gegensatz dazu reagieren Männer vorwiegend mit der „Fight or Flight“-Strategie, bei der auf Stress mit Kampf oder Flucht begegnet wird.

Der Hormonstatus hingegen sagt aus, wie viele Stress-Hormone sich in unserem Blutkreislauf befinden. Die Menge dieser Hormone stellt einen eigenen Filter dar und beeinflusst darüber hinaus auch unsere restlichen Filter. Man kann sich den Hormonstatus wie ein Gefäß in unserem Organismus vorstellen, das die Hormone tröpfchenweise füllen. Je nachdem wie voll das Gefäß ist, treten verschiedene Beeinträchtigungen auf. Die erste ist der sogenannte „psychologische Nebel“. Dieser entsteht, wenn während wir kommunizieren die Emotionen die Führung übernehmen und sie sprichwörtlich unsere Sicht oder im Fall einer Diskussion beispielsweise unser Gehör vernebeln. Wir hören nur noch das, was wir hören wollen. Als nächstes treten psychologische Stress-Symptome auf wie Migräne. Die nächste Phase sind stressbedingte Erkrankungen, zum Beispiel Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen, Magengeschwür oder Depressionen.

Weitere biologische Filter betreffen unsere Emotionen. Diese können unseren Blick auf Personen, Sachen oder Situationen sehr stark beeinflussen und zwar negativ wie positiv.

Ein Beispiel, das wohl jeder kennt: das Frisch verliebt sein. Die ganze Welt scheint rosarot. Selbst der nervige Kollege ist plötzlich ganz nett. Hier verändert eine positive Emotion (Liebe) unseren Blick auf die Welt. Warum das so ist? In dieser Phase sind wir völlig in einer, in diesem Fall positiven Emotion. Wir denken weniger rational und fühlen mehr. Das Vertrauen in unser Bauchgefühl ist felsenfest. Liebe ist Vertrauen.

Soziale und Kulturelle Filter

Hier geht es um Einschränkungen der Wahrnehmung aufgrund von Erziehung, kultureller und religiöser Prägung sowie der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen.
Ein Beispiel: Sind Sie Christ, werden Sie Ostern im Sinne eines christlichen Fests zelebrieren. Fakt ist jedoch auch, dass Ostern auf eine Göttin der Germanen namens „Ostara“ beruht. Sie war eine Frühlingsgottheit, deren Symbol der Hase war. Der kulturelle Filter ordnet das Osterfest also der christlichen Religion zu, unabhängig von seiner tatsächlichen heidnischen Herkunft.

Unsere sozialen Filter hingegen werden von den Menschen in unserem direkten Umfeld geprägt. Ein Kind, das beispielsweise schon früh Gewalt erfährt, wird Gewalt in sein soziales Verhalten als etwas völlig Normales integrieren.

*Eine Vase oder zwei Gesichter im Profil

 

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